Interessen
Der Soundtrack meines Lebens
Manche Menschen verbinden bestimmte Lebensphasen mit Orten. Bei mir sind es oft Songs. Manche erinnern mich an Menschen oder Situationen, andere einfach an ein bestimmtes Lebensgefühl.
Mein Musikgeschmack war dabei nie besonders geradlinig: Oldies im Radio, Punkrock in der Jugend, später riesige Playlists, Konzerte, HSV-Musik auf dem Weg zum Stadion und irgendwann Santiano, die ausgerechnet über meine Kinder in mein Leben kamen.
Auf den ersten Blick passt das vielleicht nicht alles zusammen. Für mich schon. Am Ende geht es meistens um echte Instrumente, gute Geschichten, Gemeinschaft, Haltung und Musik, die sich auch nach vielen Jahren noch richtig anfühlt.
Kapitel 1
Die ersten Oldies im Radio
Wenn ich heute darüber nachdenke, fing mein Musikgeschmack wahrscheinlich deutlich früher an, als mir damals bewusst war. Als Kind lief bei mir oft Radio FFN. Besonders das Frühstücksradio mit seinem Humor und den Moderatoren mochte ich. Das Radio gehörte einfach zu meinem Alltag.
Zwischen den aktuellen Songs liefen immer wieder Titel aus den 60ern und 70ern. Damals wusste ich weder, aus welchem Jahrzehnt sie stammten, noch kannte ich unbedingt die Künstler. Manche Songs gefielen mir einfach.
Wenn ich an diese Zeit denke, landet mein Kopf schnell bei Pretty Belinda von Chris Andrews. Nicht weil es damals mein Lieblingssong gewesen wäre. Genau solche Lieder liefen im Radio und setzten sich irgendwo fest. Ähnlich war es mit Always Look on the Bright Side of Life. Wenn einer dieser Songs kam, freute ich mich darüber. Warum genau, hätte ich damals vermutlich nicht erklären können.
Irgendwann bekam ich eine eigene Sony-Stereoanlage mit Doppelkassettendeck. Für einen Zehnjährigen war das damals etwas Besonderes. Plötzlich konnte ich Songs aus dem Radio aufnehmen, auf Leerkassetten sammeln und eigene Zusammenstellungen erstellen. Rückblickend waren das meine ersten Playlists, lange bevor ich dieses Wort kannte.
Ich kaufte unzählige Leerkassetten, schnitt Songs aus dem Radio mit und stellte sie am Doppelkassettendeck neu zusammen. Oft musste man darauf warten, dass ein bestimmter Titel endlich wieder gespielt wurde. Heute genügt ein Klick. Damals brauchte man Geduld.
Die Musik, die heute mehrere Tausend Songs meiner Playlists ausmacht, war also schon da, bevor ich wusste, welche Rolle sie später spielen würde. Eigentlich wollte ich damals nur gute Musik hören. Und trotzdem fing genau dort alles an.
Kapitel 2
Die Zeit mit bunten Haaren
Mit ungefähr zwölf Jahren verschwand die Musik meiner Kindheit fast vollständig aus meinem Leben. Stattdessen begann meine Punkphase.
Wie genau ich zu den Toten Hosen gekommen bin, weiß ich heute gar nicht mehr. Damals wurden ständig Kassetten getauscht. Auf irgendwelchen Mitschnitten war immer mal wieder ein Lied der Hosen dabei. Irgendwann war das Interesse geweckt.
1991 oder 1992 war ich mit einem Freund und dessen Eltern in Göttingen unterwegs. Dort kaufte ich mir meine erste Kassette der Toten Hosen: Bis zum bitteren Ende – Live. Damit war es endgültig um mich geschehen.
In den folgenden Jahren hörte ich praktisch alles, was die Band bis dahin veröffentlicht hatte. Besonders die Phase der späten Achtziger mit Alben wie Damenwahl oder Ein kleines bisschen Horrorschau begeistert mich bis heute. Gleichzeitig finde ich auch die neueren Hosen ab Ballast der Republik musikalisch unglaublich stark.
Songs wie Hier kommt Alex, Reisefieber, Wort zum Sonntag, Bis zum bitteren Ende oder Verschwende deine Zeit begleiten mich inzwischen seit Jahrzehnten.
„So lange Johnny Thunders lebt, so lange bleib' ich ein Punk.“
Damals fragt man sich natürlich automatisch, was ein Punk eigentlich ist. Und irgendwie wollte ich genau das sein. Punk bedeutete für mich allerdings nie nur Musik.
Natürlich spielte die Haltung eine wichtige Rolle. Ich war nie jemand, der sich grundsätzlich gegen den Staat gestellt hat oder besonders extreme politische Ansichten vertreten hätte. Was mich angesprochen hat, war vielmehr die klare Positionierung gegen Rassismus, Ausgrenzung und rechtes Gedankengut.
In den Toten Hosen fand ich genau diese Haltung wieder. Nicht als etwas, das mich erst geprägt hätte, sondern eher als etwas, das zu dem passte, was ich ohnehin schon dachte. Gleichzeitig war Punk für mich aber auch Humor, Energie, Freundschaften und ein ganz eigenes Lebensgefühl.
Ich hatte schwarze Haare ähnlich wie Sid Vicious, zeitweise blaue Haare wie Micro von den Abstürzenden Brieftauben und gelegentlich auch einen Irokesenschnitt. Auf meiner Jeansjacke prangte ein großer Aufnäher mit der Aufschrift „Gegen Nazis“. Dazu kamen Bandshirts und alles, was damals zu dieser Szene gehörte.
Interessanterweise gab es in meinem direkten Freundeskreis zunächst kaum Punks. Das änderte sich allerdings schnell. In einer Kleinstadt finden sich Gleichgesinnte irgendwann von selbst.
Natürlich hörte ich nicht nur die Toten Hosen. WIZO gehörten ebenfalls zu meinen absoluten Favoriten. Vor allem das Album Uaaaargh! lief bei mir rauf und runter. Für mich gibt es darauf bis heute kaum einen schwachen Song. Titel wie Kopfschuss, Raum der Zeit oder Hey Thomas gehören noch immer zu meinen Favoriten.
Auch die Abstürzenden Brieftauben waren ein wichtiger Teil dieser Zeit. Dort waren es vor allem der Humor, die Texte und natürlich die legendären blauen Haare von Micro, die mich faszinierten. Dazu kamen Bands wie Fuckin' Faces, The Pig Must Die oder die regionale Punkband Schmutzige Taten.
Typisch für diese Zeit war allerdings auch, dass man oft weniger ganze Alben hörte als vielmehr Sampler. Schlachtrufe BRD und ähnliche Zusammenstellungen gehörten damals praktisch zur Grundausstattung. Über solche Sampler lernte man ständig neue Bands kennen und bekam einen Eindruck davon, wie groß und vielfältig die deutsche Punkszene eigentlich war.
Rückblickend war Punk für mich weit mehr als eine Musikrichtung. Es war die erste Musik, die ich wirklich bewusst zu meiner eigenen gemacht habe.
Ganz verschwunden ist Punk nie. Aber gegen Ende der Neunziger begann sich mein Musikgeschmack in eine Richtung zu bewegen, mit der ich selbst nicht gerechnet hätte. Wie es dazu kam, gehört in das nächste Kapitel.
Kapitel 3
Der Umweg über den Schlager
Wenn mich heute jemand fragt, warum ich so viele Oldies höre, fällt mir eine einfache Antwort schwer. Wahrscheinlich gab es nie den einen Auslöser. Es war eher eine Reihe von Zufällen, die irgendwann zusammenpassten.
Ende der Neunziger hätte ich jedenfalls selbst nicht erwartet, dass mein Musikgeschmack plötzlich deutlich älter werden würde. Nach Punk, den Toten Hosen, WIZO, Samplern und bunten Haaren erschien das alles eher unwahrscheinlich.
Und trotzdem begann genau zu dieser Zeit eine neue musikalische Reise. Der erste Schritt führte ausgerechnet über den deutschen Schlager.
Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich mich einmal freiwillig für Michael Holm, Mary Roos oder Jürgen Marcus interessieren würde, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Die Vorstellung passte einfach überhaupt nicht zu dem Bild, das ich damals von mir selbst hatte.
Vielleicht war genau das der Reiz. Diese Musik kam aus einer völlig anderen Richtung als alles, was ich bis dahin gehört hatte.
Damals erlebte der Schlager eine kleine Renaissance. Guildo Horn war plötzlich überall präsent, alte Titel wurden wieder gespielt und viele Künstler, die lange kaum Beachtung gefunden hatten, standen erneut im Rampenlicht.
Mich hat diese Welle damals komplett erwischt. Guildo Horn war sicher der wichtigste Auslöser, aber er blieb nicht allein. Michael Holm, Mary Roos, Jürgen Marcus und viele andere gehörten plötzlich wieder zu meinem musikalischen Alltag.
Der Schlagermove gehörte damals fast selbstverständlich dazu. Menschen in schrillen Siebzigerjahre-Outfits, Schlaghosen, Sonnenbrillen, alte Schlager aus Lautsprechern und jede Menge gute Laune. Heute würde ich wahrscheinlich über manches schmunzeln. Damals war ich mittendrin.
Dort bekam ich auch von Bata Illic ein Autogramm auf mein 70er-Jahre-Hemd. Noch schöner war allerdings, dass ich mich eine ganze Weile mit ihm unterhalten konnte. Die Unterschrift ist längst nicht mehr wichtig. In Erinnerung geblieben ist mir vielmehr, wie freundlich, offen und sympathisch er auf mich wirkte.
Rückblickend war diese Schlagerphase aber weniger ein Ziel als vielmehr ein Übergang. Irgendwann kam nämlich die Frage:
Wo kommt das eigentlich alles her?
Claudi und die größere Welt dahinter
Mein bester Freund Claudi spielte dabei eine wichtige Rolle.
Er hat mich nicht zum Oldie-Fan gemacht. Eigentlich war ich auf dem Weg längst unterwegs. Aber er zeigte mir, dass hinter den bekannten Schlagern, Samplern und Radiomelodien eine viel größere Welt lag.
Claudi hörte schon lange RTL Radio. Dort liefen nicht nur einzelne bekannte Oldies, sondern ein riesiger Querschnitt durch die Musik der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre.
Bei ihm standen plötzlich CDs und Sampler herum, auf denen Künstler auftauchten, von denen ich vorher oft nur einzelne Songs kannte. Und manchmal wusste ich nicht einmal, dass ich die Songs überhaupt kannte.
Immer wieder lief etwas, das mir seltsam vertraut vorkam. Nicht weil ich es bewusst gehört hatte, sondern weil diese Musik schon irgendwo in meiner Kindheit vorhanden gewesen war.
Plötzlich begegneten mir Songs wie No Milk Today, Everlasting Love, Downtown oder Be My Baby.
Mit jedem neuen Song öffnete sich eine weitere Tür. Aus einzelnen Liedern wurden Künstler. Aus Künstlern wurden ganze Alben.
Und aus einer Phase, die mit Schlager begann, wurde nach und nach die Musik, die mich bis heute begleitet.
Kapitel 4
Oldies werden zur Leidenschaft
Irgendwann war Oldies hören nicht mehr nur eine Phase. Aus einzelnen Liedern wurden Künstler, aus Künstlern wurden Alben und aus Alben wurde nach und nach eine Sammlung.
Rückblickend war das der Moment, in dem aus Musikgeschmack ein echtes Hobby wurde.
Die ersten großen Namen
Einige Künstler waren dabei von Anfang an wichtiger als andere. Tony Christie gehörte dazu. Eigentlich begleitet er mich schon viel länger, als mir damals bewusst war. Als Kind durfte ich gemeinsam mit meinen Großeltern die großen Samstagabendshows im Fernsehen schauen. Dort war Tony Christie regelmäßig zu Gast.
Seine Stimme mochte ich schon damals. Später kamen die Songs hinzu. Natürlich die bekannten Titel wie Is This The Way To Amarillo, I Did What I Did For Maria, Las Vegas oder Don't Go Down To Reno. Noch spannender fand ich aber oft die weniger bekannten Stücke wie My Love Song, Give Me Your Love Again oder Forget The Janes, The Jeans And The Might-Have-Beens.
Neben Tony Christie wurden auch Albert Hammond, Andy Kim, Gene Pitney, Barry Ryan, Tom Jones, Neil Diamond, die Bee Gees und natürlich die Beatles immer wichtiger. Viele dieser Künstler höre ich heute noch regelmäßig. Nicht aus Nostalgie, sondern weil die Songs für mich nach wie vor funktionieren.
Vom Hörer zum Sammler
Mit den Jahren veränderte sich auch die Art, wie ich Musik hörte. Anfangs kaufte ich vor allem Best-Of-CDs. Sie waren der einfachste Weg, viele Künstler kennenzulernen und einen Überblick zu bekommen. Doch irgendwann reichten mir einzelne Hits nicht mehr. Ich wollte wissen, was sich hinter diesen Songs verbarg.
Wenn wir einkaufen waren, gehörte die Musikabteilung praktisch immer dazu. WOM, Saturn, Media Markt oder kleinere Händler wurden regelmäßig durchstöbert. Besonders vermisse ich heute Milestone Mailorder, einen Spezialversand für Oldies und ähnliche Musikrichtungen. Dort habe ich über viele Jahre unzählige CDs bestellt.
Die Sammlung wuchs stetig. CDs wurden alphabetisch sortiert, Listen geführt und Neuerscheinungen notiert. Auch heute kaufe ich noch regelmäßig CDs und digitalisiere sie anschließend für meine private Musiksammlung. Inzwischen dürften es ungefähr tausend Tonträger sein.
Vollständige Diskografien zu sammeln war dabei nie einfach. Viele Alben waren längst vergriffen oder wurden nie auf CD veröffentlicht. Trotzdem war genau diese Suche ein wichtiger Teil des Hobbys.
Ich sammle keine Künstler. Ich sammle Songs.
Das Interessante ist, dass ich nie der klassische Künstler-Sammler geworden bin. Natürlich gibt es Interpreten, die mir besonders wichtig sind. Tony Christie, Albert Hammond oder Andy Kim gehören sicher dazu. Noch wichtiger waren für mich aber immer die Songs.
Vielleicht erklärt das auch, warum mein Musikgeschmack über die Jahre immer breiter geworden ist. Ich muss nicht zwangsläufig jede Platte eines Künstlers lieben. Oft genügt ein einziger außergewöhnlicher Song, um dauerhaft einen Platz in meiner Sammlung zu bekommen.
Deshalb besteht meine Musikwelt aus Hunderten verschiedener Künstler. Chris Andrews, The Beatles, Bee Gees, The Box Tops, The Buckinghams, Chicory Tip, Tony Christie, Lou Christie, The Delfonics, John Denver, Neil Diamond, Joe Dolan, Cass Elliot, Edison Lighthouse, Chris Farlowe, The Flowerpot Men, The Foundations, Simon & Garfunkel, Glen Campbell, The Grass Roots, Albert Hammond, Herman's Hermits, Elton John, Tommy James & The Shondells, Jackson 5, Tom Jones, Andy Kim, Kaleidoscope, Love, Love Affair, The Marmalade, The Monkees, Ohio Express, The Original Caste, Gene Pitney, Gary Puckett & The Union Gap, Elvis Presley, Tommy Roe, Barry Ryan, Shocking Blue, Soulful Dynamics, The Turtles, The Zombies und viele andere.
Nicht unbedingt, weil ich jeden dieser Künstler umfassend gesammelt hätte, sondern weil irgendwo in ihrem Werk Songs stecken, die für mich unverzichtbar geworden sind.
Musik entdecken vor Spotify
Heute genügt meist ein Klick. Damals funktionierte Musik entdecken anders. Eine wichtige Rolle spielte RTL Radio. Dort liefen ständig Songs, die ich noch nicht kannte. Dazu kamen Fernsehsendungen wie Disco mit Ilja Richter, die ZDF-Hitparade oder gelegentlich auch der Beat Club.
Auch Sampler waren unglaublich wichtig. Oft kaufte man eine Compilation wegen zwei oder drei Songs und entdeckte dabei ganz nebenbei fünf weitere Künstler. Später kam das Internet hinzu. Um die Jahrtausendwende konnte man plötzlich alte Chartplatzierungen recherchieren, Diskografien nachschlagen und Informationen finden, für die man früher deutlich länger gesucht hätte.
Trotzdem begann vieles weiterhin ganz klassisch: mit einem Song, einem Sampler, einer Radiosendung oder einem Namen, den man zufällig irgendwo las. Und manchmal führte genau das zu einer völlig neuen musikalischen Welt.
Immer neue Türen
Das Faszinierende an den Oldies ist für mich bis heute, dass ständig neue Türen auftauchen. Man glaubt, man hätte seinen Musikgeschmack gefunden, und plötzlich öffnet sich eine weitere Welt.
So ging es mir einige Jahre später mit Motown. Ausgelöst wurde das durch eine geliehene Compilation. Von der CD selbst weiß ich heute kaum noch etwas. Nicht einmal den Titel. Ein Song ist mir allerdings bis heute sofort präsent: I Get The Sweetest Feeling von Jackie Wilson.
Dazu kamen Marvin Gaye, Jimmy Ruffin, David Ruffin, Diana Ross, die Supremes, Smokey Robinson und natürlich Tammi Terrell. Wieder hatte ich das Gefühl, dass hinter den Songs, die ich bereits kannte, noch viel mehr steckt.
Besonders Tammi Terrell hat mich beeindruckt. Ain't No Mountain High Enough gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingssongs. Nicht nur wegen der Melodie oder der Stimmen, sondern weil dort einfach alles zusammenpasst.
Je mehr ich mich mit ihrer Geschichte beschäftigte, desto mehr berührte mich auch ihre Musik. Vielleicht ist genau das typisch für meinen Musikgeschmack: Kaum glaube ich, eine musikalische Welt verstanden zu haben, öffnet sich irgendwo die nächste Tür.
Warum gerade diese Musik?
Wenn ich erklären müsste, was mich an dieser Musik fasziniert, würde die Antwort wahrscheinlich jedes Mal etwas anders ausfallen. Ein Song muss für mich nicht alles gleichzeitig können. Manchmal genügt eine großartige Melodie. Manchmal reicht eine besondere Stimme. Manchmal erzählt ein Lied eine Geschichte, die hängen bleibt. Manchmal löst es einfach ein Gefühl aus. Und manchmal genügen schon ein paar Bläser.
Gerade Bläser faszinieren mich bis heute. Sie können einen Song nach vorne treiben, ihm Energie verleihen oder ganz dezent im Hintergrund etwas hinzufügen, das man zunächst gar nicht bewusst wahrnimmt. Live beeindruckt mich ihre Wucht, auf Aufnahmen oft ihre Vielseitigkeit.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich viele Produktionen aus der zweiten Hälfte der Sechziger und den frühen Siebzigern besonders ansprechen. Die Musik klang moderner, ohne beliebig zu werden. Singer-Songwriter bekamen mehr Raum, die Arrangements wurden größer und gleichzeitig blieb vieles erstaunlich zeitlos.
Kapitel 5
Forever Changes
Das Faszinierende an Musik war für mich schon immer, dass ständig neue Türen auftauchen. Man glaubt, seinen Geschmack gefunden zu haben, und plötzlich öffnet sich irgendwo eine weitere Welt.
Eine dieser Türen führte zu einem Album, das mich bis heute begleitet. Eine Erinnerung ist mir dabei besonders geblieben.
Ich war ungefähr neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Kurz zuvor war ich von meiner Pflegemutter zurück ins Haus meiner Oma gezogen und wohnte wieder im alten Dachgeschosszimmer. Es war Heiligabend, draußen schneite es, und ich war allein.
Damals bestellte ich regelmäßig CDs bei Milestone Mailorder. Für Oldie-Fans war das ein kleiner Schatz. Zu fast jedem Album stand im Katalog ein kurzer Begleittext.
Eines Tages blieb ich bei einem Album hängen, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte: Forever Changes von Love. Warum genau ich es bestellte, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich hatte mich einfach dieser kleine Beschreibungstext neugierig gemacht.
An jenem Heiligabend legte ich die CD zum ersten Mal auf.
Schon die ersten Sekunden von Alone Again Or trafen mich völlig unerwartet: die Trompeten, die Akustikgitarre, diese seltsame Mischung aus Leichtigkeit und Melancholie. So etwas hatte ich vorher noch nie gehört.
Mit Andmoreagain, Maybe The People Would Be The Times Or Between Clark And Hilldale und später You Set The Scene wurde dieses Gefühl eher stärker als schwächer.
„Was ist das denn? So etwas habe ich ja noch nie gehört.“
Bis dahin hatte ich Musik meist über einzelne Songs kennengelernt. Gute Stimmen, schöne Melodien und Titel, die sofort hängen blieben.
Forever Changes funktionierte anders. Es war eines der ersten Alben, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht einfach nur einzelne Songs zu hören, sondern ein zusammenhängendes Werk.
Die Gefühle von damals könnte ich heute nicht mehr exakt beschreiben. Aber ich weiß noch, dass dieses Album meinen Blick auf Musik verändert hat.
Bis heute gehört Forever Changes deshalb zu den wichtigsten Platten meines Lebens. Nicht unbedingt, weil es mein Lieblingsalbum ist, sondern weil es mir gezeigt hat, wie groß diese musikalische Welt eigentlich sein kann.
Kapitel 6
Konzerte und Erinnerungen
Konzerte gehörten lange nicht zu den Dingen, um die ich meine Musikleidenschaft herum plante. Musik hörte ich zu Hause, im Auto oder über Kopfhörer. Live-Musik fand eher irgendwo statt, und manchmal war ich eben dabei. Beim Eulenfest in Einbeck gehörten Konzerte früh zum Programm. Dazu kamen Schülerbands und später kleinere Punkkonzerte, unter anderem von The Pig Must Die und Schmutzige Taten. Auch Heinz Rudolf Kunze habe ich irgendwann vor vielen Jahren live gesehen.
Das waren schöne Abende, aber noch keine bewusst geplanten Konzertreisen. Etwa 2005 nahm mich meine damalige Mitbewohnerin mit zu Element of Crime ins Capitol Hannover und zu Madsen. Kurz darauf spielten Madsen sogar beim Eulenfest. Langsam wurde aus Live-Musik, die zufällig in meiner Nähe auftauchte, etwas, für das ich mir gezielt einen Abend freihielt.
Ein ziemlich großartiger Schlagertag
In diese Zeit gehört auch ein Tag, an den ich mich bis heute besonders gern erinnere. Irgendwann um 2006 oder 2007 war ich mit Cori beim Schlagermove in Hannover. Mit ihr verbindet mich eine lange Geschichte, und zweimal in meinem Leben war da auch mehr als Freundschaft. An diesem Tag ging es allerdings vor allem um ziemlich viel Schlager, ziemlich viel Spaß und vermutlich auch um ein Outfit, mit dem ich heute nicht mehr unbedingt zum Einkaufen gehen würde.
Wir sahen unter anderem Jürgen Drews, Graham Bonney und Bata Illic. Mit Graham Bonney und Bata Illic kamen wir sogar ins Gespräch. Von Bata Illic bekam ich damals das Autogramm auf mein 70er-Jahre-Hemd, von dem ich schon im vorherigen Kapitel erzählt habe. Cori ließ sich ihres direkt auf den Arm schreiben. Viel stärker als die Unterschriften ist mir aber in Erinnerung geblieben, wie freundlich und offen diese Begegnungen waren.
Jahre später stand Cori wieder mit mir vor einer Bühne – erst bei Albert Hammond in Hannover und schließlich bei Neil Diamond in einer riesigen Arena in Köln. Musikalisch liegen zwischen einem Schlagermove, Albert Hammond und Neil Diamond ein paar Welten. In meinen Erinnerungen gehören diese Tage trotzdem irgendwie zusammen.
Vom Fußball zum Maschsee
Regelmäßiger wurde das ungefähr ab 2011 oder 2012 mit Lotto King Karl beim Maschseefest in Hannover. Teilweise sah ich ihn dort mehrmals im Jahr. Der Einstieg führte natürlich über den HSV, dessen Fan ich seit meiner Kindheit bin. Der Fußballbezug war die offene Tür, aber er war bald nicht mehr der einzige Grund hinzugehen.
Ich mochte den Humor, das Lebensgefühl und Songs wie Glaube Liebe Hoffnung, Keine Grenzen keine Zäune, Fliegen, Unten am Hafen oder Ikarus. Abschlach!, Hamburger Jungz und die vielen HSV-Sampler kamen erst später. Lotto King Karl war zunächst die Verbindung zwischen zwei Dingen, die ohnehin zu mir gehörten: Fußball und Musik.
Die alten Helden stehen plötzlich vor mir
Einen anderen Reiz hatten die Konzerte jener Künstler, deren Namen ich seit Jahren aus CD-Booklets kannte. Albert Hammond sah ich im Mai 2015 und im Mai 2016 im Capitol Hannover. Mir war natürlich bewusst, dass er nicht nur seine eigenen Hits gesungen, sondern auch für andere geschrieben hatte. Erst live wurde mir aber richtig klar, wie groß dieses Werk ist. Zu vielen Songs erzählte er die Geschichte dahinter, und aus bekannten Titeln wurden auf einmal kleine Kapitel eines langen Musikerlebens.
2015 saßen Cori und ich auf Barhockern direkt neben der Bühnentreppe. Während One Moment in Time ging Albert Hammond durch das Publikum und schüttelte mir im Vorbeigehen die Hand. Das war kein spektakulärer Zufall und auch keine geheimnisvolle Fügung. Ich saß schlicht sehr günstig an der Treppe. Eine schöne Erinnerung ist es trotzdem geblieben.
Am 17. Juni 2016 stand ich mit Cori wieder vor einer Bühne, diesmal bei Neil Diamond in der LANXESS Arena in Köln. Die große Band war beeindruckend, ebenso die Tatsache, dass er noch immer eine riesige Arena füllen konnte. Rückblickend war es dennoch das schwächste einer Reihe ansonsten großartiger Konzerte. Nicht, weil es schlecht gewesen wäre. Als hoffnungsloser Oldie-Fan hätte ich einfach viel lieber noch mehr Songs aus den Sechzigern und Siebzigern gehört. Man kann tief beeindruckt sein und sich gleichzeitig eine andere Setlist wünschen. Beides stimmt.
Tony Christie war schon lange einer meiner großen Favoriten, bevor ich ihn endlich gemeinsam mit Claudi live sah. Im Januar 2019 im Kuppelsaal des HCC Hannover war das Konzert vor allem musikalisch groß. Die Band war hervorragend, und es gab echte Bläser. Ich brauche keine Bläser, um Musik gut zu finden. Wenn sie allerdings da sind und ein Arrangement mit voller Wucht tragen, bin ich ziemlich leicht zu begeistern.
Im Mai 2024 waren Claudi und ich dann noch einmal bei Tony Christie in Beelitz. Diesmal war alles anders: Open Air, strömender Regen und deutlich näher an der Bühne. Nach dem Konzert trafen wir Tony Christie sogar und schüttelten ihm die Hand. Fotos und Autogramme wollte er allerdings nicht geben. So blieb es bei einem kurzen persönlichen Moment – und vielleicht passt gerade das ganz gut: 2019 musikalisch groß, 2024 persönlich nah.
Neu und trotzdem sofort vertraut
Die Toten Hosen begleiten mich seit ungefähr 1991 oder 1992. Mein erstes Konzert der Band besuchte ich trotzdem erst im Dezember 2012 mit meinem Bruder in der TUI Arena Hannover. Vorher hatte ich mich diebisch darauf gefreut und konnte den Abend kaum erwarten. Meine genaue Erinnerung daran ist heute stellenweise etwas löchrig. Sagen wir so: Wir waren im Laufe des Abends beide nicht mehr vollständig für eine nüchterne Konzertdokumentation qualifiziert.
Geblieben ist vor allem dieses besondere Hosen-Gefühl. Jedes Konzert wirkt neu und gleichzeitig vom ersten Moment an vertraut. Die alten Songs werden von mir vermutlich noch ein wenig lauter mitgesungen als die neuen. Wobei Hosen-Fans offenbar grundsätzlich in der Lage sind, am Tag einer Albumveröffentlichung bereits sämtliche Texte auswendig zu kennen. Ich arbeite langsamer.
Wenn ich einen Song hervorheben müsste, wäre es Reisefieber. Ich mag die Melodie und wahrscheinlich spielt auch der Bezug zur Nordsee eine Rolle. Mindestens genauso wichtig ist aber die Atmosphäre im Publikum. Dort stehen sehr unterschiedliche Menschen, und trotzdem fühlt sich eine gemeinsame Haltung selbstverständlich an. In einer riesigen Menge zu stehen und nicht darüber nachdenken zu müssen, ob rassistisches oder neonazistisches Gedankengut dort willkommen sein könnte, empfinde ich als ausgesprochen angenehm.
Nach weiteren Konzerten in Hannover führte mich das bislang jüngste am 11. Juli 2026 ins Olympiastion Berlin. Fast 70.000 Menschen, eine enorme Lautstärke und das Gefühl, dass praktisch alle wirklich alles mitsingen. Beim Intro-Song des neuen Albums stand plötzlich Farin Urlaub als Gast auf der Bühne. Für mich war es außerdem das erste Hosen-Konzert mit meiner heutigen Partnerin. Auch sie war beeindruckt. Solche Abende zeigen mir jedes Mal wieder, warum ich diese Band seit mehr als drei Jahrzehnten höre.
Live-Musik wird Familiensache
Inzwischen gehören Konzerte nicht mehr nur zu meiner eigenen Musikgeschichte. Am 28. Juni 2025 war ich gemeinsam mit meinen Kindern und Claudi bei Santiano in Beverungen. Mir gefiel das Konzert sehr gut, auch wenn die Stimmung etwas hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Vielleicht lag es am Ausfall von Timsen, der für meinen Eindruck einen wichtigen Teil der Live-Wirkung der Band ausmacht.
Viel stärker als dieser kleine Vorbehalt blieb ohnehin die Begeisterung der Kinder hängen. Sie waren von Anfang an völlig aus dem Häuschen und bei erstaunlich vielen deutschsprachigen Songs textsicherer als manche Erwachsenen. Plötzlich stand ich nicht mehr nur selbst vor einer Bühne. Neben mir entdeckten zwei kleine Menschen gerade, was so ein Abend aus Musik machen kann.
Am 11. April 2026 waren wir gemeinsam wieder bei Santiano, diesmal in der Berliner Uber Arena. Claudi war erneut dabei, die Kinder inzwischen ein Jahr älter – und Santiano waren diesmal vollständig. Das Konzert hatte noch einmal deutlich mehr Wucht. Mit Druck meine ich dabei nicht bloß Lautstärke. Vor allem der mehrstimmige Gesang füllt den ganzen Raum. Wenn vier Bandmitglieder und der Gitarrist gemeinsam singen, klingt es stellenweise nach wesentlich mehr Stimmen. Die gesamte Produktion funktioniert live erstaunlich geschlossen.
Irgendwie gefällt mir auch der Gedanke, dass Claudi schon damals eine Rolle spielte, als sich mir die große Welt der Oldies immer weiter öffnete – und Jahrzehnte später steht er mit mir und meinen Kindern bei Santiano. Musik war eben nie nur etwas, das ich allein für mich gehört habe.
Die Hosen sind der passende Gegenentwurf: rauer, spontaner und manchmal hörbar fehlerhafter – was bei ihnen wiederum genau richtig ist. Santiano wirken geschlossener und stärker produziert. Das eine muss das andere nicht schlagen. Beides hat seinen eigenen Reiz.
„Mein ganzer Bauch ist voller Musik.“
Das sagte mein Sohn mitten im Berliner Konzert. Er war gerade vier Jahre alt geworden. Viel genauer kann man kaum beschreiben, was Live-Musik von einer Aufnahme unterscheidet. Man hört sie nicht nur. Man spürt sie.
Am Ende eines Santiano-Konzerts singt die ganze Halle gemeinsam Hoch im Norden. Menschen aus allen möglichen Teilen Deutschlands stehen zusammen und singen ein Lied über den Norden. Das passt zu etwas, das Musik für mich schon immer war: etwas Verbindendes.
Meine Musikgeschichte begann mit Radio, Kassetten, Punk, CDs und Oldies. Heute stehen meine eigenen Kinder neben mir und singen mit. Und manchmal ist einfach der ganze Bauch voller Musik.
Kapitel 7
Drei Farben, 175 Songs
Der HSV begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Die dazugehörige Musik kam deutlich später. Natürlich kannte ich irgendwann das Vereinslied und andere HSV-Songs. Eine wirkliche Rolle spielten sie für mich aber lange nicht. Das änderte sich mit einem Mann, einem Kran und einem Lied über Hamburg.
Das erste Mal live – ausgerechnet die Papierkugel
Seit August 2005 gehörte Lotto King Karl mit Hamburg, meine Perle zum festen Programm vor den Heimspielen. Ich kannte das Ritual zunächst vor allem aus dem Fernsehen: Lotto als Stadionsprecher, sein Humor, der Kran und irgendwann dieses ganze eigenartige Gesamtpaket, das einfach zum Volkspark gehörte.
Selbst live erlebte ich es zum ersten Mal am 7. Mai 2009. Ausgerechnet.
Ich war beim UEFA-Cup-Halbfinale gegen Werder Bremen. Es wurde das berühmte Papierkugel-Spiel. Hamburg, meine Perle war an diesem Abend allerdings nicht der große emotionale Moment. Hängengeblieben sind die wahnsinnige Enttäuschung über das Ausscheiden, die Art und Weise, wie es passierte, natürlich diese Papierkugel und eine endlos lange Rückfahrt.
Rückblickend war es trotzdem das erste Mal, dass ich Lotto und dieses Stadionritual selbst live erlebte. Meine persönliche HSV-Musikgeschichte begann also an einem der bittersten HSV-Abende. Auch das muss man erst einmal hinbekommen.
Lotto war eigentlich längst da
Musikalisch hatte Lotto für mich ohnehin schon vorher eine Verbindung zum HSV. Besonders Fliegen gehört dazu, obwohl es gar kein klassisches HSV-Lied ist. Früher hatten die Spieler individuelle Torsongs, und Sergej Barbarez hatte Fliegen. In der Saison 2000/01 wurde er Bundesliga-Torschützenkönig. Entsprechend oft war der Song zu hören. Zusätzlich lief er regelmäßig in der Halbzeit.
Die meisten dieser Erinnerungen stammen bei mir aus dem Fernsehen. Ich war nie der Fan, der jedes zweite Wochenende im Stadion stand. Meine ersten Besuche reichen zwar bis in die Zeit des Stadionumbaus in den Neunzigern zurück, insgesamt war ich aber eher selten dort. Meine Verbindung zum HSV entstand deshalb genauso vor dem Fernseher, im Radio und später eben über Musik.
Mehr als der Mann mit „Hamburg, meine Perle“
Ungefähr 2009 oder 2010 begann ich, Lotto bewusst außerhalb des HSV-Kontexts zu hören. Ich kaufte nach und nach seine Alben und merkte ziemlich schnell, dass hinter dem Stadionsänger ein Musiker steckte, dessen Musik mir auch dann gefiel, wenn gerade weit und breit kein Fußball stattfand.
Ikarus, Seitenwechsel, Rotverschiebung, Wieder im Ballbesitz und die DVD Heimspiel auf heiligem Boden gehörten zu dieser Zeit. Dazu kamen Songs wie Glaube Liebe Hoffnung, Keine Grenzen keine Zäune, Unten am Hafen und natürlich weiterhin Fliegen.
Damit wiederholte sich ein Muster meiner Musikgeschichte, das mir schon bei den Oldies begegnet war: Erst kenne ich einzelne Songs oder einen kleinen Ausschnitt. Dann werde ich neugierig, schaue nach, was dahintersteckt – und plötzlich öffnet sich eine wesentlich größere musikalische Welt.
Eine halbe Stunde mit Hermann Rieger
Lotto führte mich irgendwann auch außerhalb des Stadions zu besonderen HSV-Momenten. Von 2012 bis 2016 sah ich ihn praktisch jedes Jahr beim Maschseefest in Hannover. Und bei einem dieser Abende begegnete ich dort Hermann Rieger.
Natürlich wusste ich, wer da vor mir stand. Hermann Rieger war nicht einfach nur der langjährige Masseur des HSV. Er war eine dieser Vereinslegenden, die für mich praktisch selbst zum Inventar des Vereins gehörten.
Aus einem kurzen Hallo wurde ein Gespräch. Und aus dem Gespräch wurden am Ende ungefähr 30 Minuten, in denen wir einfach über den HSV plauderten.
Mich hat bis heute kaum ein Mensch in so kurzer Zeit so sehr beeindruckt. Nicht, weil ich plötzlich neben einer bekannten Persönlichkeit stand, sondern wegen der Art, wie Hermann Rieger einem begegnete. Seine Herzlichkeit, seine Nähe zu den Fans und natürlich seine unglaubliche Verbundenheit mit dem HSV machten diesen Moment für mich zu etwas ganz Besonderem.
Einfach eine halbe Stunde mit einer der großen Vereinslegenden über den HSV zu reden, war schon ziemlich genial. Natürlich entstand an diesem Abend auch ein gemeinsames Foto. Aber wenn ich heute daran zurückdenke, ist das Foto eigentlich nur der Beleg für etwas, das mir viel wichtiger geblieben ist: diese Begegnung.
Eigentlich war ich wegen Lotto und der Musik beim Maschseefest. Nach Hause gegangen bin ich mit einer meiner schönsten persönlichen HSV-Erinnerungen.
Abschlach! – jahrelang ignoriert und dann alles auf einmal
Ein paar Jahre später passierte praktisch dasselbe noch einmal. Den Namen Abschlach! hatte ich schon lange immer wieder gehört. Ich hatte die Band allerdings erstaunlich konsequent ignoriert. Erst ungefähr 2013 oder 2014 beschäftigte ich mich ernsthaft mit ihr.
Und dann gleich richtig.
Ich bestellte praktisch sämtliche bis dahin erschienenen Alben und hörte sie rauf und runter. Damit entdeckte ich erstmals bewusst, dass es nicht einfach ein paar HSV-Lieder gab, sondern eine regelrechte eigene musikalische HSV-Welt.
Abschlach! nimmt darin bis heute besonders viel Raum ein. Mein Hamburg lieb' ich sehr, Wir sind der HSV und Drei Farben, Buchstaben gehören für mich inzwischen zu den wichtigsten HSV-Songs überhaupt.
175 Songs und eine ziemlich großzügige Qualitätskontrolle
Danach geriet die Sache endgültig ein wenig außer Kontrolle. Eine wichtige Rolle spielten die HSV Supporters Sampler. Dazu kamen Abschlach!, Lotto King Karl, Hamburger Jungz, Nordboyz, Elvis und viele Künstler, die teilweise nur einen einzigen Song zu dieser Sammlung beigetragen haben.
Inzwischen umfasst mein HSV-Mix ungefähr 175 Songs.
Darin steht Peter Petrel mit Wir sind Hamburger neben Norbert und den Feiglingen mit Trotzdem HSV. Nicht jeder dieser 175 Songs ist zwingend ein musikalisches Meisterwerk. Bei Trotzdem HSV lässt sich beispielsweise vermuten, dass die Qualitätskontrolle einer HSV-Playlist gelegentlich andere Maßstäbe kennt als meine normale Musiksammlung.
Das gehört aber irgendwie dazu. Zwischen all diesen Songs stehen Titel wie Die verbotene Stadt, Nur der HSV, Wir sind der HSV, Drei Farben, Buchstaben, Mein Hamburg lieb' ich sehr, Freunde, Hey HSV, Hamburger Jungz, Rautengeil, SWB gebor'n und In Hamburg geboren. Eine Rangfolge ist das ausdrücklich nicht. Und zur Rivalität mit Werder gehört selbstverständlich auch ein Lied über die verbotene Stadt.
HSV-Musik braucht inzwischen nicht einmal mehr Fußball
Natürlich läuft dieser Mix auf Fahrten zu HSV-Spielen und gehört zur Vorfreude auf einen Stadionbesuch. Irgendwann funktionierte die Musik aber auch völlig unabhängig davon.
Gerade nach langen Spieleabenden war für mich mit dem Abpfiff nicht unbedingt Schluss. Dann liefen noch HSV-Songs, bei YouTube tauchte ein Video nach dem anderen auf und aus „nur noch eins“ wurde schnell eine ziemlich lange musikalische Nachspielzeit.
Das beschreibt eigentlich ganz gut, was aus dieser Musik geworden war. Sie hatte längst ihre eigene Schublade bekommen. Und die konnte ich auch öffnen, wenn gerade überhaupt kein Ball rollte.
Wir werden wieder aufstehen
2018 bekam diese Musik dann eine Bedeutung, auf die ich gern verzichtet hätte. Der HSV stieg zum ersten Mal aus der Bundesliga ab.
Einen Song verbinde ich besonders deutlich mit dieser Zeit: Wir werden wieder aufstehen. Ich hörte ihn direkt an dem Tag, an dem er herauskam. Für mich stand er nicht hauptsächlich für Trauer. Das Gefühl war eher Trotz. Jetzt erst recht. Wir kommen wieder. Ein Abstieg ändert nichts daran, dass ich HSV-Fan bin.
Dass aus diesem „Wir kommen wieder“ am Ende sieben Jahre werden würden, wusste damals natürlich niemand.
Es folgten immer neue Anläufe und immer neue Enttäuschungen. Manchmal fehlte nicht viel, manchmal etwas mehr. Irgendwann gehörte die zweite Liga nicht mehr zu einem kurzen Betriebsunfall, sondern schlicht zum Alltag eines HSV-Fans. Und trotzdem begann praktisch jede Saison wieder mit der Hoffnung, dass es diesmal klappen würde.
2024: immer noch unterwegs
Auch 2024 war der nächste Aufstiegsversuch wieder gescheitert. Sechs Jahre nach dem Abstieg war das Ziel also immer noch dasselbe – nur der Weg dorthin hatte sich als erheblich länger und krummer erwiesen, als irgendjemand 2018 gehofft hatte.
Ausgerechnet in diesem Jahr erschien mit Drei Farben, Buchstaben einer der HSV-Songs, die mir heute besonders wichtig sind.
Vielleicht passt er gerade deshalb so gut in diese Zeit. Der Song erzählt nicht davon, dass alles großartig läuft. Da ist ein Ziel, da ist ein gemeinsamer Weg und da ist der Anspruch, aufeinander aufzupassen. Gleichzeitig führt dieser Weg ausdrücklich nicht immer geradeaus. Es gibt dunkle Tage, Rückschläge und Dinge, die eine Gemeinschaft von innen gefährden können.
Noch stärker wird das für mich durch das Musikvideo. Statt einfach Stadionbilder, Tore und jubelnde Fans aneinanderzureihen, erzählt es eine kleine Geschichte.
Zwei junge Schwestern aus einer HSV-Familie wollen gemeinsam ein Konzert veranstalten. Sie basteln Plakate, verteilen sie in der Nachbarschaft und sind zunächst offensichtlich ein ziemlich gutes Team. Dann kommt ein neuer Junge in ihre Klasse – ausgerechnet mit St.-Pauli-Faulenzer – und eine der beiden interessiert sich für ihn.
Das eigentlich Spannende ist aber, was danach passiert. Nicht die Schwester, die sich dem Jungen zuwendet, macht alles kaputt. Die andere reagiert offenbar aus Enttäuschung und Verletzung. Sie zerstört die gemeinsamen Plakate und schließlich sogar Erinnerungen an ihre gemeinsame HSV-Geschichte. Ein gerahmtes Foto der beiden in HSV-Kleidung liegt zwischen Glasscherben auf dem Boden.
Und dann wird wieder aufgebaut.
Das zerknüllte Plakat wird aufgehoben. Das beschädigte Foto wird nicht weggeworfen, sondern wieder zusammengesetzt. Vor allem finden die Menschen wieder zusammen. Und am Ende findet genau das gemeinsame Konzert statt, das am Anfang das Ziel gewesen war.
Genau deshalb finde ich dieses Video so großartig. Zusammenhalt bedeutet darin nicht, dass niemals etwas kaputtgeht. Menschen können sich voneinander entfernen, enttäuscht sein, Fehler machen und Dinge zerstören. Entscheidend ist, ob man danach noch bereit ist, etwas wieder aufzubauen und den gemeinsamen Weg fortzusetzen.
Für einen HSV-Song aus dem Jahr 2024 ist das ein ziemlich passendes Bild. Sechs Jahre nach dem Abstieg waren schließlich auch wir längst mehrfach losgelaufen, hatten Rückschläge erlebt und mussten trotzdem immer wieder von vorn anfangen.
Und da ist für mich noch eine zweite Ebene
Ganz unpolitisch kann ich Drei Farben, Buchstaben allerdings nicht hören. Wenn von falschen Freunden in den eigenen Reihen, von einer Lüge, die sich einschleicht, von Wachsamkeit und davon die Rede ist, mit Leidenschaft und Liebe füreinander einzustehen, denke ich unweigerlich auch an gesellschaftliche und politische Entwicklungen – und ganz konkret an die AfD.
Ob Abschlach! diese Zeilen genau so gemeint haben, weiß ich nicht. Ich möchte dem Song deshalb keine eindeutige politische Botschaft zuschreiben, die von der Band vielleicht nie so erklärt wurde. Für mich schwingt diese Warnung trotzdem deutlich mit.
Interessant finde ich gerade deshalb, dass das Video die Sache nicht so einfach macht. Der St.-Pauli-Junge ist nicht der offensichtliche Bösewicht, der von außen kommt und alles zerstört. Die eigentliche Zerstörung findet innerhalb der bisherigen Gemeinschaft statt. Enttäuschung, Verletzung und die eigene Reaktion darauf richten den Schaden an.
Vielleicht gefällt mir gerade diese Mehrdeutigkeit. Die Gefahr ist nicht immer nur „der andere“. Eine Gemeinschaft muss auch darauf achten, was in ihren eigenen Reihen passiert. Und wenn etwas zerbricht, entscheidet sich Zusammenhalt daran, ob man anschließend noch bereit ist, aufeinander zuzugehen.
Und irgendwann ging es doch bergauf
Ein Jahr nach Drei Farben, Buchstaben passierte dann tatsächlich das, worauf der HSV seit 2018 gewartet hatte. 2025 gelang nach sieben Jahren in der zweiten Liga endlich der Wiederaufstieg.
Natürlich wurde der Song nicht deshalb geschrieben, weil jemand schon wusste, wie diese Geschichte ausgehen würde. Gerade rückblickend passt er für mich aber erstaunlich gut zu diesen Jahren. Wir kannten das Ziel. Wir glaubten meistens auch, den Weg zu kennen. Nur geradeaus führte er offensichtlich nicht.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem all diese HSV-Musik für mich zusammenkommt. Hamburg, meine Perle steht für ein altes Stadionritual. Fliegen erinnert mich an Barbarez. Wir werden wieder aufstehen steht für den Trotz nach dem Abstieg. Und Drei Farben, Buchstaben erzählt für mich davon, was dazwischen notwendig war: weitermachen, zusammenbleiben und nach Rückschlägen wieder etwas aufbauen.
Vom alten zum neuen Stadionritual
Auch im Stadion hat sich die Musik inzwischen verändert. Früher gehörten für mich vor allem Hamburg, meine Perle und Fliegen dazu. Heute sind es besonders Mein Hamburg lieb' ich sehr und Wir sind der HSV.
Als Hamburg, meine Perle als festes Ritual verschwand, störte mich das zunächst. Lotto fehlt mir bis heute – als Stadionsprecher, mit seinem Humor, als Person im Stadion und mit diesem herrlich speziellen Kran-Ritual.
Trotzdem ist daraus keine Geschichte geworden, in der früher alles besser war. Im Gegenteil: Das heutige Konzept mit Mein Hamburg lieb' ich sehr gefällt mir inzwischen sogar besser. Der Song orientiert sich für mich stärker an dem, was Hamburg und der HSV tatsächlich haben, und weniger daran, wofür man sich selbst hält.
Wenn das ganze Stadion gemeinsam singt, entsteht eine Atmosphäre, die hervorragend funktioniert. Ich kann Lotto und das alte Ritual vermissen und das neue trotzdem besser finden. Beides stimmt.
HSV-Musik ist für mich deshalb längst mehr als eine Sammlung von Fußballliedern. Sie steht für Stadion, Hamburg, Vorfreude, Erinnerungen, Rivalität, Gemeinschaft, Rückschläge und Trotz. Manches davon ist musikalisch großartig. Manches ist hauptsächlich HSV.
Und manchmal dauert ein HSV-Abend musikalisch einfach deutlich länger als 90 Minuten.
Kapitel 8
Einmal richtig hingehört
Santiano waren mir schon lange bekannt – allerdings hauptsächlich als Name und aus der Fernsehwerbung für ihre Alben. Dabei hatte ich nicht einmal besonders auf die Musik geachtet. Hängengeblieben waren eher die Cover, die Schiffe, das Meer und dieses ganze maritime Artwork. Von der Musik selbst kannte ich praktisch nur Santiano.
Das reichte mir offenbar für ein erstaunlich sicheres Urteil: Schlager, Seemannsmusik, nicht weiter beachten. Ich mochte die Band nicht ausdrücklich nicht. Ich beschäftigte mich einfach überhaupt nicht mit ihr. Und das ziemlich konsequent über viele Jahre.
Das änderte sich ungefähr im Sommer 2024. Meine Tochter war gerade etwa vier geworden, mein Sohn war zweieinhalb. Wie Santiano genau bei uns auftauchten, weiß ich heute gar nicht mehr. Vermutlich liefen bei YouTube irgendwelche Piratenlieder und irgendwann segelte der Algorithmus über Shantys in Richtung Santiano.
Einen großen Entdeckungsmoment gab es jedenfalls nicht. Die Kinder fanden die Musik gut. Also lief sie weiter. Und weil sie weiterlief, hörte ich irgendwann selbst genauer hin.
Eigentlich musste ich Santiano nur einmal richtig zuhören.
Der fallende Vorhang
Ich suchte nach einem Konzert und landete bei der Aufnahme aus der Berliner Waldbühne. Schon die Eröffnung fand ich großartig: Der Vorhang fällt, Lieder der Freiheit beginnt und die Band ist praktisch ohne Anlauf mit voller Kraft da.
Danach schaute ich mir auch das Konzert aus der damaligen O2 World an. Dort beginnt der Abend mit Gott muss ein Seemann sein – und wieder funktioniert dieser Konzertstart sofort. Spätestens da war ziemlich offensichtlich, wie wenig meine alte Schublade mit der tatsächlichen Band zu tun hatte.
Echte Instrumente, mehrstimmiger Gesang, große Refrains und diese enorme Klangwand: Genau diese Mischung hatte mich erwischt. Die Arrangements sind unglaublich aufwendig und teilweise fast schon zu perfekt produziert. Chefarrangeur Hardy Krech wird rund um Santiano gern als „Magier“ bezeichnet. Wenn ich diese Arrangements höre, kann ich ziemlich gut verstehen, warum.
Gleichzeitig besteht Santiano eben nicht nur aus Vollgas. Zwischen all der Wucht stehen ruhigere, erzählerische Stücke wie Hoch im Norden, Seine Geschichte oder Dann bin ich weg. Andere Songs erzählen von Sehnsucht, Aufbruch oder großen Seefahrten. Kinder des Kolumbus ist dafür ein gutes Beispiel. Gerade diese Mischung macht für mich einen großen Teil der Band aus.
Zwei erstaunlich textsichere kleine Menschen
Santiano wurden danach ziemlich schnell zu Familienmusik. Die Kinder saßen teilweise ein ganzes Konzert lang konzentriert vor dem Fernseher und schauten zu. Im Auto erkannten sie sogar, welche Konzertaufnahme gerade lief. Und bei längeren Fahrten war ohnehin ziemlich schnell klar, was gehört werden sollte.
Im Winter 2024 fuhren wir zum Weihnachtsmarkt nach Hameln. Natürlich lief Santiano. Und von der Rückbank kamen zwei kleine Stimmen, die praktisch jedes Lied mitsangen. Meine Tochter war ungefähr vier, mein Sohn zweieinhalb – und selbst bei nicht gerade einfachen Texten wie Frei wie der Wind waren beide erstaunlich sicher.
Ich fand das gleichermaßen beeindruckend und wahnsinnig niedlich. Da saßen zwei ziemlich kleine Menschen hinter mir und sangen Texte mit, bei denen ich mich selbst gelegentlich verhaspelte. Mal mit voller Lautstärke, mal ganz leise für sich. Und natürlich war ich auch ein bisschen stolz auf die beiden.
Mein Sohn fand ziemlich schnell Axel am besten und wollte natürlich irgendwann auch ein eigenes Tamburin haben. Meine Tochter mochte besonders Björn. Und sobald Oonagh auftauchte, war sie ohnehin dabei. Eigentlich fanden sie aber weniger einzelne Bandmitglieder toll als die ganze Band.
Bei längeren Autofahrten gehörte Santiano bald selbstverständlich dazu. Lief die Musik einmal nicht, wurde ich durchaus daran erinnert, diesen offensichtlichen Fehler zu korrigieren.
Gleichzeitig kaufte ich in relativ kurzer Zeit praktisch sämtliche Alben und verfügbaren Konzertveröffentlichungen. Wenn es möglich ist, kaufe ich Musik physisch und digitalisiere sie anschließend selbst für meine Sammlung. Heute läuft meistens ein großer Santiano-Mix, in dem zwischen Studiotiteln auch einfach mal ein längerer Block aus einer Konzertaufnahme auftaucht. Neue Alben sind inzwischen echte Termine. Vorab veröffentlichte Singles landen sowieso sofort bei den Kindern.
Eigentlich eine ziemlich passende Welt
Im Nachhinein ist eher erstaunlich, dass ich Santiano so lange ignoriert hatte. Meine Liebe zum Meer und besonders zur Nordsee ist schließlich viel älter als diese Band. Schon als Kind war ich mit meinen Großeltern sehr oft dort.
Vielleicht hätte mir deshalb schon viel früher auffallen können, wie gut diese ganze maritime Welt eigentlich zu mir passt. Freiheit, Fernweh, Aufbruch, Wind, Meer und große Reisen sind Themen, mit denen ich sehr viel anfangen kann.
Dazu kommt mein Respekt vor dem Seefahrerleben. Schon eine Fahrt nach Helgoland bei Windstärke 7 fand ich auf einem modernen Schiff ziemlich respekteinflößend. Wenn man erlebt, welche Kraft Wind und Meer entwickeln können, bekommt man zumindest eine kleine Vorstellung davon, welchen Mut Seefahrt früher verlangt haben muss.
Und dann ist da natürlich schlicht die Musik. Die Klangwand und der mehrstimmige Gesang gehören für mich untrennbar zusammen. Dazu kommen Texte und Geschichten, mit denen ich etwas anfangen kann, richtig gute Arrangements und Musiker, deren unterschiedliche Stimmen und Charaktere zusammen einfach funktionieren.
Björn, Pete, Axel und Timsen prägen Santiano dabei auf ihre jeweils eigene Art. Zur Liveband gehören außerdem Gitarrist Dirk Schlag und Drummer Manne Uhlig, die für mich genauso zum vertrauten Bild eines Santiano-Konzerts gehören. Und natürlich gehört auch Fahni – Andreas Fahnert – weiterhin zur Band, auch wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht live dabei sein kann.
Wie groß die Lücke eines Einzelnen werden kann, habe ich spätestens in Beverungen gemerkt, als Timsen fehlte. Seine Stimme und sein norddeutscher Akzent fehlen sofort, ebenso seine Gitarre. Vor allem ist er aber derjenige, der ständig über die Bühne läuft, das Publikum anheizt und zum Mitmachen bringt. Axel versuchte das an diesem Abend mit Unterstützung von Björn aufzufangen – aber gerade dadurch wurde mir erst richtig bewusst, wie wichtig Timsen für die Livewirkung ist.
Und plötzlich öffnete sich die nächste Tür
Wie so oft blieb es natürlich nicht bei dieser einen Band. Schandmaul kannte ich schon vorher, hatte sie aber nie besonders stark im Fokus. Durch Santiano rückten sie wieder näher. Dazu kamen Versengold, Mr. Hurley & die Pulveraffen, dArtagnan, Faun und weitere Folk- und Mittelalter-Musik.
Das ist musikalisch keineswegs alles dasselbe. Für mich liegt es aber nah genug beieinander, dass vieles davon inzwischen im selben großen Mix landet.
Oonagh besaß ich lustigerweise sogar schon vorher. Erst durch Santiano wurde mir richtig bewusst, wie viel sie gemeinsam gemacht hatten. Auch das gemeinsame Kinderhörspiel gehört inzwischen zu den Dingen, die bei uns gelegentlich laufen.
Dann müssen wir sie eben live sehen
Irgendwann fragte ich die Kinder einfach, ob sie Santiano auch einmal wirklich auf einer Bühne sehen wollten. Die Antwort ließ wenig Interpretationsspielraum. Also suchte ich sofort nach einem Konzert, das mit zwei kleinen Kindern machbar war.
Am 28. Juni 2025 waren wir schließlich mit Kathlen und Claudi beim Open Air in Beverungen. Ein halbes Jahr vorher hatte ich die Karten gekauft – und ungefähr ein halbes Jahr lang durfte ich danach regelmäßig die Frage beantworten, wann es denn nun endlich so weit sei.
Am 11. April 2026 folgte die Berliner Uber Arena. Beide Abende habe ich im Konzertkapitel bereits ausführlicher erzählt. Beverungen war unser erstes gemeinsames Santiano-Konzert – Berlin dann das Konzert, bei dem die Band für mich genau so auf der Bühne stand, wie ich sie aus den großen Konzertaufnahmen kannte.
Dunkle Halle, große Videowände, Licht, Druck, Timsen wieder dabei und diese gewaltige Klangwand. Der Unterschied zu Beverungen war riesig. Und mittendrin zwei Kinder, die längst nicht mehr einfach nur Papas Musik hörten. Es war genauso ihre.
Dass Santiano außerdem klar gegen Rechts Stellung beziehen und Songs wie Nie wieder Krieg veröffentlichen, finde ich großartig. Es ist nicht der Grund, warum ich die Band höre. Aber es passt ziemlich gut dazu.
Genau zur richtigen Zeit
Verlorene Zeit waren die Jahre davor für mich trotzdem nicht. Ich hatte nichts vermisst, weil ich nicht wusste, was mir entging. Und wer weiß: Vielleicht war der Zeitpunkt sogar genau richtig.
Hätte ich Santiano seit den frühen 2010ern ständig gehört, hätte ich die Musik 2024 womöglich längst so oft gehört, dass sie einfach nur noch selbstverständlich gewesen wäre. Vielleicht hätte ich sie den Kindern dann gar nicht so häufig angemacht.
Stattdessen haben wir die Band praktisch gemeinsam entdeckt. Erst YouTube und Konzertaufnahmen, dann lange Autofahrten, zwei kleine Stimmen von der Rückbank, neue Alben, neue Songs und schließlich die ersten gemeinsamen Konzerte.
Was die Kinder davon später bewahren, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mir diese gemeinsamen Erinnerungen bleiben werden.
Fortsetzung folgt
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Die Geschichte endet an dieser Stelle noch nicht. Weitere Kapitel über meinen heutigen Musikgeschmack und meine Playlists, Lieblingssongs und die Frage, was Musik für mich eigentlich bedeutet, befinden sich bereits in Arbeit.