Interessen
Der Soundtrack meines Lebens
Manche Menschen verbinden bestimmte Lebensphasen mit Orten. Bei mir sind es oft Songs. Manche erinnern mich an Menschen oder Situationen, andere einfach an ein bestimmtes Lebensgefühl.
Mein Musikgeschmack war dabei nie besonders geradlinig: Oldies im Radio, Punkrock in der Jugend, später riesige Playlists, Konzerte, HSV-Musik auf dem Weg zum Stadion und irgendwann Santiano, die ausgerechnet über meine Kinder in mein Leben kamen.
Auf den ersten Blick passt das vielleicht nicht alles zusammen. Für mich schon. Am Ende geht es meistens um echte Instrumente, gute Geschichten, Gemeinschaft, Haltung und Musik, die sich auch nach vielen Jahren noch richtig anfühlt.
Kapitel 1
Die ersten Oldies im Radio
Wenn ich heute darüber nachdenke, fing mein Musikgeschmack wahrscheinlich deutlich früher an, als mir damals bewusst war. Als Kind lief bei mir oft Radio FFN. Besonders das Frühstücksradio mit seinem Humor und den Moderatoren mochte ich. Das Radio gehörte einfach zu meinem Alltag.
Zwischen den aktuellen Songs liefen immer wieder Titel aus den 60ern und 70ern. Damals wusste ich weder, aus welchem Jahrzehnt sie stammten, noch kannte ich unbedingt die Künstler. Manche Songs gefielen mir einfach.
Wenn ich an diese Zeit denke, landet mein Kopf schnell bei Pretty Belinda von Chris Andrews. Nicht weil es damals mein Lieblingssong gewesen wäre. Genau solche Lieder liefen im Radio und setzten sich irgendwo fest. Ähnlich war es mit Always Look on the Bright Side of Life. Wenn einer dieser Songs kam, freute ich mich darüber. Warum genau, hätte ich damals vermutlich nicht erklären können.
Irgendwann bekam ich eine eigene Sony-Stereoanlage mit Doppelkassettendeck. Für einen Zehnjährigen war das damals etwas Besonderes. Plötzlich konnte ich Songs aus dem Radio aufnehmen, auf Leerkassetten sammeln und eigene Zusammenstellungen erstellen. Rückblickend waren das meine ersten Playlists, lange bevor ich dieses Wort kannte.
Ich kaufte unzählige Leerkassetten, schnitt Songs aus dem Radio mit und stellte sie am Doppelkassettendeck neu zusammen. Oft musste man darauf warten, dass ein bestimmter Titel endlich wieder gespielt wurde. Heute genügt ein Klick. Damals brauchte man Geduld.
Die Musik, die heute mehrere Tausend Songs meiner Playlists ausmacht, war also schon da, bevor ich wusste, welche Rolle sie später spielen würde. Eigentlich wollte ich damals nur gute Musik hören. Und trotzdem fing genau dort alles an.
Kapitel 2
Die Zeit mit bunten Haaren
Mit ungefähr zwölf Jahren verschwand die Musik meiner Kindheit fast vollständig aus meinem Leben. Stattdessen begann meine Punkphase.
Wie genau ich zu den Toten Hosen gekommen bin, weiß ich heute gar nicht mehr. Damals wurden ständig Kassetten getauscht. Auf irgendwelchen Mitschnitten war immer mal wieder ein Lied der Hosen dabei. Irgendwann war das Interesse geweckt.
1991 oder 1992 war ich mit einem Freund und dessen Eltern in Göttingen unterwegs. Dort kaufte ich mir meine erste Kassette der Toten Hosen: Bis zum bitteren Ende – Live. Damit war es endgültig um mich geschehen.
In den folgenden Jahren hörte ich praktisch alles, was die Band bis dahin veröffentlicht hatte. Besonders die Phase der späten Achtziger mit Alben wie Damenwahl oder Ein kleines bisschen Horrorschau begeistert mich bis heute. Gleichzeitig finde ich auch die neueren Hosen ab Ballast der Republik musikalisch unglaublich stark.
Songs wie Hier kommt Alex, Reisefieber, Wort zum Sonntag, Bis zum bitteren Ende oder Verschwende deine Zeit begleiten mich inzwischen seit Jahrzehnten.
„So lange Johnny Thunders lebt, so lange bleib' ich ein Punk.“
Damals fragt man sich natürlich automatisch, was ein Punk eigentlich ist. Und irgendwie wollte ich genau das sein. Punk bedeutete für mich allerdings nie nur Musik.
Natürlich spielte die Haltung eine wichtige Rolle. Ich war nie jemand, der sich grundsätzlich gegen den Staat gestellt hat oder besonders extreme politische Ansichten vertreten hätte. Was mich angesprochen hat, war vielmehr die klare Positionierung gegen Rassismus, Ausgrenzung und rechtes Gedankengut.
In den Toten Hosen fand ich genau diese Haltung wieder. Nicht als etwas, das mich erst geprägt hätte, sondern eher als etwas, das zu dem passte, was ich ohnehin schon dachte. Gleichzeitig war Punk für mich aber auch Humor, Energie, Freundschaften und ein ganz eigenes Lebensgefühl.
Ich hatte schwarze Haare ähnlich wie Sid Vicious, zeitweise blaue Haare wie Micro von den Abstürzenden Brieftauben und gelegentlich auch einen Irokesenschnitt. Auf meiner Jeansjacke prangte ein großer Aufnäher mit der Aufschrift „Gegen Nazis“. Dazu kamen Bandshirts und alles, was damals zu dieser Szene gehörte.
Interessanterweise gab es in meinem direkten Freundeskreis zunächst kaum Punks. Das änderte sich allerdings schnell. In einer Kleinstadt finden sich Gleichgesinnte irgendwann von selbst.
Natürlich hörte ich nicht nur die Toten Hosen. WIZO gehörten ebenfalls zu meinen absoluten Favoriten. Vor allem das Album Uaaaargh! lief bei mir rauf und runter. Für mich gibt es darauf bis heute kaum einen schwachen Song. Titel wie Kopfschuss, Raum der Zeit oder Hey Thomas gehören noch immer zu meinen Favoriten.
Auch die Abstürzenden Brieftauben waren ein wichtiger Teil dieser Zeit. Dort waren es vor allem der Humor, die Texte und natürlich die legendären blauen Haare von Micro, die mich faszinierten. Dazu kamen Bands wie Fuckin' Faces, The Pig Must Die oder die regionale Punkband Schmutzige Taten.
Typisch für diese Zeit war allerdings auch, dass man oft weniger ganze Alben hörte als vielmehr Sampler. Schlachtrufe BRD und ähnliche Zusammenstellungen gehörten damals praktisch zur Grundausstattung. Über solche Sampler lernte man ständig neue Bands kennen und bekam einen Eindruck davon, wie groß und vielfältig die deutsche Punkszene eigentlich war.
Rückblickend war Punk für mich weit mehr als eine Musikrichtung. Es war die erste Musik, die ich wirklich bewusst zu meiner eigenen gemacht habe.
Gleichzeitig veränderte sich irgendwann etwas. Die Haare wurden wieder etwas unauffälliger. Die Kleidung weniger extrem. Und Ende der Neunziger traf mich eine Entwicklung, mit der ich selbst niemals gerechnet hätte: Während ich jahrelang Punk gehört hatte, begann plötzlich eine völlig andere Musik, mich zu faszinieren. Ausgerechnet deutscher Schlager.
Damals wurden alte Schlager der Siebziger plötzlich wieder populär. Guildo Horn war überall präsent, und auch mein bester Freund Claudi hörte schon länger RTL Radio, wo Oldies aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren liefen.
Was zunächst mit Schlagern begann, entwickelte sich langsam zu etwas anderem. Plötzlich waren sie wieder da: die alten Songs. Die Musik, die viele Jahre zuvor schon im Radio gelaufen war. Nur diesmal hörte ich bewusst zu.
Kapitel 3
Der Umweg über den Schlager
Wenn mich heute jemand fragt, warum ich so viele Oldies höre, fällt mir eine einfache Antwort schwer. Wahrscheinlich gab es nie den einen Auslöser. Es war eher eine Reihe von Zufällen, die irgendwann zusammenpassten.
Ende der Neunziger hätte ich jedenfalls selbst nicht erwartet, dass mein Musikgeschmack plötzlich deutlich älter werden würde. Nach Punk, den Toten Hosen, WIZO, Samplern und bunten Haaren erschien das alles eher unwahrscheinlich.
Und trotzdem begann genau zu dieser Zeit eine neue musikalische Reise. Der erste Schritt führte ausgerechnet über den deutschen Schlager.
Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich mich einmal freiwillig für Michael Holm, Mary Roos oder Jürgen Marcus interessieren würde, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Die Vorstellung passte einfach überhaupt nicht zu dem Bild, das ich damals von mir selbst hatte.
Vielleicht war genau das der Reiz. Diese Musik kam aus einer völlig anderen Richtung als alles, was ich bis dahin gehört hatte.
Damals erlebte der Schlager eine kleine Renaissance. Guildo Horn war plötzlich überall präsent, alte Titel wurden wieder gespielt und viele Künstler, die lange kaum Beachtung gefunden hatten, standen erneut im Rampenlicht.
Mich hat diese Welle damals komplett erwischt. Guildo Horn war sicher der wichtigste Auslöser, aber er blieb nicht allein. Michael Holm, Mary Roos, Jürgen Marcus und viele andere gehörten plötzlich wieder zu meinem musikalischen Alltag.
Der Schlagermove gehörte damals fast selbstverständlich dazu. Menschen in schrillen Siebzigerjahre-Outfits, Schlaghosen, Sonnenbrillen, alte Schlager aus Lautsprechern und jede Menge gute Laune. Heute würde ich wahrscheinlich über manches schmunzeln. Damals war ich mittendrin.
Dort bekam ich auch von Bata Illic ein Autogramm auf mein 70er-Jahre-Hemd. Noch schöner war allerdings, dass ich mich eine ganze Weile mit ihm unterhalten konnte. Die Unterschrift ist längst nicht mehr wichtig. In Erinnerung geblieben ist mir vielmehr, wie freundlich, offen und sympathisch er auf mich wirkte.
Rückblickend war diese Schlagerphase aber weniger ein Ziel als vielmehr ein Übergang. Irgendwann kam nämlich die Frage:
Wo kommt das eigentlich alles her?
Claudi und die größere Welt dahinter
Mein bester Freund Claudi spielte dabei eine wichtige Rolle.
Er hat mich nicht zum Oldie-Fan gemacht. Eigentlich war ich auf dem Weg längst unterwegs. Aber er zeigte mir, dass hinter den bekannten Schlagern, Samplern und Radiomelodien eine viel größere Welt lag.
Claudi hörte schon lange RTL Radio. Dort liefen nicht nur einzelne bekannte Oldies, sondern ein riesiger Querschnitt durch die Musik der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre.
Bei ihm standen plötzlich CDs und Sampler herum, auf denen Künstler auftauchten, von denen ich vorher oft nur einzelne Songs kannte. Und manchmal wusste ich nicht einmal, dass ich die Songs überhaupt kannte.
Immer wieder lief etwas, das mir seltsam vertraut vorkam. Nicht weil ich es bewusst gehört hatte, sondern weil diese Musik schon irgendwo in meiner Kindheit vorhanden gewesen war.
Plötzlich begegneten mir Songs wie No Milk Today, Everlasting Love, Downtown oder Be My Baby.
Mit jedem neuen Song öffnete sich eine weitere Tür. Aus einzelnen Liedern wurden Künstler. Aus Künstlern wurden ganze Alben.
Und aus einer Phase, die mit Schlager begann, wurde nach und nach die Musik, die mich bis heute begleitet.
Kapitel 4
Oldies werden zur Leidenschaft
Irgendwann war Oldies hören nicht mehr nur eine Phase. Aus einzelnen Liedern wurden Künstler, aus Künstlern wurden Alben und aus Alben wurde nach und nach eine Sammlung.
Rückblickend war das der Moment, in dem aus Musikgeschmack ein echtes Hobby wurde.
Die ersten großen Namen
Einige Künstler waren dabei von Anfang an wichtiger als andere. Tony Christie gehörte dazu. Eigentlich begleitet er mich schon viel länger, als mir damals bewusst war. Als Kind durfte ich gemeinsam mit meinen Großeltern die großen Samstagabendshows im Fernsehen schauen. Dort war Tony Christie regelmäßig zu Gast.
Seine Stimme mochte ich schon damals. Später kamen die Songs hinzu. Natürlich die bekannten Titel wie Is This The Way To Amarillo, I Did What I Did For Maria, Las Vegas oder Don't Go Down To Reno. Noch spannender fand ich aber oft die weniger bekannten Stücke wie My Love Song, Give Me Your Love Again oder Forget The Janes, The Jeans And The Might-Have-Beens.
Neben Tony Christie wurden auch Albert Hammond, Andy Kim, Gene Pitney, Barry Ryan, Tom Jones, Neil Diamond, die Bee Gees und natürlich die Beatles immer wichtiger. Viele dieser Künstler höre ich heute noch regelmäßig. Nicht aus Nostalgie, sondern weil die Songs für mich nach wie vor funktionieren.
Vom Hörer zum Sammler
Mit den Jahren veränderte sich auch die Art, wie ich Musik hörte. Anfangs kaufte ich vor allem Best-Of-CDs. Sie waren der einfachste Weg, viele Künstler kennenzulernen und einen Überblick zu bekommen. Doch irgendwann reichten mir einzelne Hits nicht mehr. Ich wollte wissen, was sich hinter diesen Songs verbarg.
Wenn wir einkaufen waren, gehörte die Musikabteilung praktisch immer dazu. WOM, Saturn, Media Markt oder kleinere Händler wurden regelmäßig durchstöbert. Besonders vermisse ich heute Milestone Mailorder, einen Spezialversand für Oldies und ähnliche Musikrichtungen. Dort habe ich über viele Jahre unzählige CDs bestellt.
Die Sammlung wuchs stetig. CDs wurden alphabetisch sortiert, Listen geführt und Neuerscheinungen notiert. Auch heute kaufe ich noch regelmäßig CDs und digitalisiere sie anschließend für meine private Musiksammlung. Inzwischen dürften es ungefähr tausend Tonträger sein.
Vollständige Diskografien zu sammeln war dabei nie einfach. Viele Alben waren längst vergriffen oder wurden nie auf CD veröffentlicht. Trotzdem war genau diese Suche ein wichtiger Teil des Hobbys.
Ich sammle keine Künstler. Ich sammle Songs.
Das Interessante ist, dass ich nie der klassische Künstler-Sammler geworden bin. Natürlich gibt es Interpreten, die mir besonders wichtig sind. Tony Christie, Albert Hammond oder Andy Kim gehören sicher dazu. Noch wichtiger waren für mich aber immer die Songs.
Vielleicht erklärt das auch, warum mein Musikgeschmack über die Jahre immer breiter geworden ist. Ich muss nicht zwangsläufig jede Platte eines Künstlers lieben. Oft genügt ein einziger außergewöhnlicher Song, um dauerhaft einen Platz in meiner Sammlung zu bekommen.
Deshalb besteht meine Musikwelt aus Hunderten verschiedener Künstler. Chris Andrews, The Beatles, Bee Gees, The Box Tops, The Buckinghams, Chicory Tip, Tony Christie, Lou Christie, The Delfonics, John Denver, Neil Diamond, Joe Dolan, Cass Elliot, Edison Lighthouse, Chris Farlowe, The Flowerpot Men, The Foundations, Simon & Garfunkel, Glen Campbell, The Grass Roots, Albert Hammond, Herman's Hermits, Elton John, Tommy James & The Shondells, Jackson 5, Tom Jones, Andy Kim, Kaleidoscope, Love, Love Affair, The Marmalade, The Monkees, Ohio Express, The Original Caste, Gene Pitney, Gary Puckett & The Union Gap, Elvis Presley, Tommy Roe, Barry Ryan, Shocking Blue, Soulful Dynamics, The Turtles, The Zombies und viele andere.
Nicht unbedingt, weil ich jeden dieser Künstler umfassend gesammelt hätte, sondern weil irgendwo in ihrem Werk Songs stecken, die für mich unverzichtbar geworden sind.
Musik entdecken vor Spotify
Heute genügt meist ein Klick. Damals funktionierte Musik entdecken anders. Eine wichtige Rolle spielte RTL Radio. Dort liefen ständig Songs, die ich noch nicht kannte. Dazu kamen Fernsehsendungen wie Disco mit Ilja Richter, die ZDF-Hitparade oder gelegentlich auch der Beat Club.
Auch Sampler waren unglaublich wichtig. Oft kaufte man eine Compilation wegen zwei oder drei Songs und entdeckte dabei ganz nebenbei fünf weitere Künstler. Später kam das Internet hinzu. Um die Jahrtausendwende konnte man plötzlich alte Chartplatzierungen recherchieren, Diskografien nachschlagen und Informationen finden, für die man früher deutlich länger gesucht hätte.
Trotzdem begann vieles weiterhin ganz klassisch: mit einem Song, einem Sampler, einer Radiosendung oder einem Namen, den man zufällig irgendwo las. Und manchmal führte genau das zu einer völlig neuen musikalischen Welt.
Immer neue Türen
Das Faszinierende an den Oldies ist für mich bis heute, dass ständig neue Türen auftauchen. Man glaubt, man hätte seinen Musikgeschmack gefunden, und plötzlich öffnet sich eine weitere Welt.
So ging es mir einige Jahre später mit Motown. Ausgelöst wurde das durch eine geliehene Compilation. Von der CD selbst weiß ich heute kaum noch etwas. Nicht einmal den Titel. Ein Song ist mir allerdings bis heute sofort präsent: I Get The Sweetest Feeling von Jackie Wilson.
Dazu kamen Marvin Gaye, Jimmy Ruffin, David Ruffin, Diana Ross, die Supremes, Smokey Robinson und natürlich Tammi Terrell. Wieder hatte ich das Gefühl, dass hinter den Songs, die ich bereits kannte, noch viel mehr steckt.
Besonders Tammi Terrell hat mich beeindruckt. Ain't No Mountain High Enough gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingssongs. Nicht nur wegen der Melodie oder der Stimmen, sondern weil dort einfach alles zusammenpasst.
Je mehr ich mich mit ihrer Geschichte beschäftigte, desto mehr berührte mich auch ihre Musik. Vielleicht ist genau das typisch für meinen Musikgeschmack: Kaum glaube ich, eine musikalische Welt verstanden zu haben, öffnet sich irgendwo die nächste Tür.
Warum gerade diese Musik?
Wenn ich erklären müsste, was mich an dieser Musik fasziniert, würde die Antwort wahrscheinlich jedes Mal etwas anders ausfallen. Ein Song muss für mich nicht alles gleichzeitig können. Manchmal genügt eine großartige Melodie. Manchmal reicht eine besondere Stimme. Manchmal erzählt ein Lied eine Geschichte, die hängen bleibt. Manchmal löst es einfach ein Gefühl aus. Und manchmal genügen schon ein paar Bläser.
Gerade Bläser faszinieren mich bis heute. Sie können einen Song nach vorne treiben, ihm Energie verleihen oder ganz dezent im Hintergrund etwas hinzufügen, das man zunächst gar nicht bewusst wahrnimmt. Live beeindruckt mich ihre Wucht, auf Aufnahmen oft ihre Vielseitigkeit.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich viele Produktionen aus der zweiten Hälfte der Sechziger und den frühen Siebzigern besonders ansprechen. Die Musik klang moderner, ohne beliebig zu werden. Singer-Songwriter bekamen mehr Raum, die Arrangements wurden größer und gleichzeitig blieb vieles erstaunlich zeitlos.
Kapitel 5
Forever Changes
Das Faszinierende an Musik war für mich schon immer, dass ständig neue Türen auftauchen. Man glaubt, seinen Geschmack gefunden zu haben, und plötzlich öffnet sich irgendwo eine weitere Welt.
Eine dieser Türen führte zu einem Album, das mich bis heute begleitet. Eine Erinnerung ist mir dabei besonders geblieben.
Ich war ungefähr neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Kurz zuvor war ich von meiner Pflegemutter zurück ins Haus meiner Oma gezogen und wohnte wieder im alten Dachgeschosszimmer. Es war Heiligabend, draußen schneite es, und ich war allein.
Damals bestellte ich regelmäßig CDs bei Milestone Mailorder. Für Oldie-Fans war das ein kleiner Schatz. Zu fast jedem Album stand im Katalog ein kurzer Begleittext.
Eines Tages blieb ich bei einem Album hängen, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte: Forever Changes von Love. Warum genau ich es bestellte, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich hatte mich einfach dieser kleine Beschreibungstext neugierig gemacht.
An jenem Heiligabend legte ich die CD zum ersten Mal auf.
Schon die ersten Sekunden von Alone Again Or trafen mich völlig unerwartet: die Trompeten, die Akustikgitarre, diese seltsame Mischung aus Leichtigkeit und Melancholie. So etwas hatte ich vorher noch nie gehört.
Mit Andmoreagain, Maybe The People Would Be The Times Or Between Clark And Hilldale und später You Set The Scene wurde dieses Gefühl eher stärker als schwächer.
„Was ist das denn? So etwas habe ich ja noch nie gehört.“
Bis dahin hatte ich Musik meist über einzelne Songs kennengelernt. Gute Stimmen, schöne Melodien und Titel, die sofort hängen blieben.
Forever Changes funktionierte anders. Es war eines der ersten Alben, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht einfach nur einzelne Songs zu hören, sondern ein zusammenhängendes Werk.
Die Gefühle von damals könnte ich heute nicht mehr exakt beschreiben. Aber ich weiß noch, dass dieses Album meinen Blick auf Musik verändert hat.
Bis heute gehört Forever Changes deshalb zu den wichtigsten Platten meines Lebens. Nicht unbedingt, weil es mein Lieblingsalbum ist, sondern weil es mir gezeigt hat, wie groß diese musikalische Welt eigentlich sein kann.
Fortsetzung folgt
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Die Geschichte endet an dieser Stelle noch nicht. Weitere Kapitel über Konzerte, HSV-Musik, Santiano, Lieblingssongs und die Frage, was Musik für mich eigentlich bedeutet, befinden sich bereits in Arbeit.