Interessen
Meine Fußballgeschichte
Ein Panini-Album, ein Radio im Kinderzimmer und ein Rasenplatz mit Taschen als Toren: So fing meine Fußballgeschichte an. Ich konnte stundenlang spielen, Ergebnisse notieren und Tabellen ausrechnen. Und wenn der HSV spielte, wollte ich vor allem eines: gewinnen. Der HSV war damals mein Verein, ist es heute und wird es bleiben.
Hier geht es zunächst um diese frühen Jahre: darum, wie ich zum HSV kam, und um den Fußball, den wir uns selbst organisiert haben. Im Zimmer, auf dem Bolzplatz und sogar vor den Toiletten im Gymnasium.
Kapitel 1
Der HSV war zuerst da
An den DFB-Pokalsieg 1987 habe ich noch eine ganz dunkle Erinnerung. Ausgesucht habe ich mir den HSV aber in einem Panini-Album. Mir gefielen die Farben, mir gefiel Hamburg – und irgendwann war klar: Das ist mein Verein. Niemand hatte mich dazu gebracht. Ich hatte mich einfach verliebt, ohne recht erklären zu können, warum.
Dabei gehörte Hamburg schon lange zu meinem Leben. Wir hatten dort Verwandtschaft und waren als Kinder häufig zu Besuch. Ich mochte den Hafen, fühlte mich in der Stadt wohl und fand es lustig, wie die Leute sprachen. „Hummel, Hummel“ gehörte für mich genauso zu Hamburg wie die Schiffe. Dass diese vertraute Stadt auch bei meiner Vereinswahl eine Rolle gespielt hatte, begriff ich erst später.
Der HSV kam also nicht über die Familie zu mir. Hamburg schon.
Wenn ich heute über die Autobahn nach Hamburg hineinfahre, fühlt es sich noch immer ein bisschen wie Nachhausekommen an.
Das erste Trikot
Mein erstes HSV-Trikot kauften wir bei einem Besuch in Hamburg im Shop von Rudi Kargus. Anschließend fuhren wir extra zum Volksparkstadion. Hinein kamen wir leider nicht, aber draußen vor der alten Betonschüssel wurde ein Foto von mir im neuen Trikot gemacht.
Das Foto habe ich heute nicht mehr parat, und an den Moment selbst erinnere ich mich nicht. Aber wir waren eigens dafür zum Stadion gefahren. Ich muss stolz wie Bolle gewesen sein.
Eine Mannschaft bekommt Gesichter
1991/92 war die erste Saison, deren HSV-Kader ich vollständig kannte. Richard Golz, Harald Spörl, Thomas von Heesen, Armin Eck und Jan Furtok: Das waren für mich keine Namen mehr, die gelegentlich in der Sportschau auftauchten. Ich kannte meine Mannschaft. In den folgenden Jahren kamen weitere Spieler dazu, die mir bis heute sofort einfallen, etwa Yordan Letchkov und Karsten Bäron.
Furtok und Bäron mochte ich besonders. Sie waren Stürmer, sie schossen Tore – viel mehr Begründung brauchte ich damals nicht. Manni Kaltz und Dietmar Jakobs müsste ich auch noch gesehen haben, aber an sie habe ich keine bewussten Erinnerungen. Meine eigenen HSV-Gesichter waren andere.
Samstag, kurz vor drei
Samstags ab etwa 15 Uhr saß ich in meinem Zimmer vor dem Radio. Ich hörte die Bundesliga beim Hessischen Rundfunk, weil dort nach meiner Erinnerung ausführlicher berichtet wurde als beim NDR. Bei HSV-Toren jubelte ich laut. Die Ergebnisse schrieb ich mit; irgendetwas zu notieren gehörte für mich schon damals dazu. Abends kam die Sportschau, und als ich alt genug war, oft noch das aktuelle Sportstudio.
Ab der fünften Klasse kaufte ich mir jeden Mittwoch vor der Schule die Sport Bild und nahm sie mit in den Unterrichtstag. Fußball war also auch zwischen den Spieltagen da: lesen, mit Freunden reden, selbst spielen. Das Kinderzimmer, in dem ich später so viel Musik hörte, war vorher schon meine kleine Bundesligazentrale.
Mit dem HSV war ich unter meinen Freunden ziemlich allein. Bayern war besonders beliebt, ausgerechnet Werder auch. Das hielt uns aber nicht davon ab, zusammen zu spielen. Die Rivalitäten kümmerten uns damals kaum.
Neunzig Minuten Kribbeln
Im Herbst 1991 konnte ich endlich ganze HSV-Spiele im Fernsehen sehen. Die Europapokalabende gegen Górnik Zabrze und Sigma Olmütz sind mir als die ersten in Erinnerung geblieben. Neunzig Minuten meine Mannschaft verfolgen, statt auf den nächsten Radiobericht oder ein paar Ausschnitte zu warten: Das war großartig. Und wenn es eng wurde, war dieses Kribbeln im Bauch da.
Leicht machte es mir der HSV nicht. Gegen Zabrze gab es zu Hause ein 1:1, bevor ein 3:0 auswärts das Weiterkommen sicherte. Gegen Sigma Olmütz war im Achtelfinale Schluss: 1:2 in Hamburg, 1:4 im Rückspiel. Die Spiele habe ich als mühsam in Erinnerung. Solche Niederlagen nahmen mich mit, aber dafür brauchte es nicht einmal den Europapokal. Auch ein Heimunentschieden gegen Wattenscheid konnte mich maximal frustrieren. Ich wollte gewinnen, egal gegen wen. Und trotzdem wich der Frust meist schnell der Vorfreude auf das nächste Spiel.
Am 13. April 1995 sah ich den HSV dann zum ersten Mal live im Volksparkstadion: gegen Freiburg, eine 1:2-Heimniederlage. Bundesliga hatte ich inzwischen schon anderswo erlebt. Mein erster Besuch war am 21. August 1993 in Dortmund, ebenfalls mit Freiburg als Gast. Einen guten Monat später fuhr ich mit meiner C-Jugend von SVG Einbeck nach Bremen zu Werder gegen Wattenscheid. Das endete 0:0; besonders geblieben ist mir der erste Blick ins Stadion. Und ausgerechnet dort kaufte ich mir einen Wattenscheid-Schal. Mein Lieblingsverein blieb natürlich der HSV.
Kapitel 2
Als Fußball noch überall war
In meinem Zimmer reichte ein Tischtennisball. Im Hinterhof nahmen wir einen Tennisball, im Garten einen richtigen Fußball. Ich spielte überall, und ich war nicht nur Spieler: Ich führte auch Buch. Was im Fernsehen, im Radio oder im Heft auftauchte, lieferte ständig neue Ideen für unsere eigenen Spiele.
Auf dem Gymnasium wurde in den Pausen weitergespielt. Ein langer Gang vor den Toiletten, ein Tennisball und los. Damit trieben wir die Lehrer in den Wahnsinn. Auf einen richtigen Fußballplatz konnten wir schließlich nicht jede Pause warten.
Im Verein spielte ich nur ein paar Partien in der C-Jugend. Eigentlich war ich ein Bolzplatzkind. Dafür ließ ich auch mal die Spiele bei SVG Einbeck sausen. Auf unserem Platz konnte ich selbst spielen und nebenbei eine ganze Liga organisieren.
Unsere eigene Bundesliga
Vor allem in der fünften und sechsten Klasse trafen wir uns fast täglich auf einer Rasenfläche. Claudi, Timo, Christian Huchtemann und ich waren der feste Kern. Mal waren wir zu zweit, mal zu sechst, später kamen gelegentlich andere Leute aus der Gymnasialzeit dazu. Echte Tore gab es nicht: Wir legten Taschen auf den Boden.
Wir spielten nicht einfach drauflos. Für die erste und zweite Bundesliga nahmen wir die echten Spielpläne, DFB-Pokal und Europapokale losten wir selbst aus. Dann wurde Spiel für Spiel abgearbeitet. Jede Partie hatte eine feste Dauer, meistens nahm ich die Zeit. Die Ergebnisse sollten möglichst realistisch sein. Bei einem Eins gegen Eins klappte das natürlich nicht immer.
Vor jeder Begegnung mischten wir neu. Wer welchen Verein spielte, entschieden wir nach Vorlieben und danach, wie stark die Spieler zusammen waren. Die stärkere Mannschaft sollte auch den tatsächlich stärkeren Club übernehmen. Beim HSV musste allerdings niemand fragen, in welchem Team ich spielte.
Meistens funktionierte das ohne große Diskussionen. Bei hohen Schüssen wurde es gelegentlich schwierig: War der Ball drin, am Pfosten oder vorbei? Eine Tasche liegt nun einmal auf dem Boden. Wo die Latte gewesen wäre, mussten wir uns vorstellen.
So vergingen ganze Nachmittage, bis es dunkel wurde oder jemand nach Hause musste. Ob wir uns jedes Mal richtig verabredeten, weiß ich nicht mehr. Oft war einfach klar, dass wir dort spielen würden.
Die Liga im Heft
In meinem Heft hatte jeder Spieltag eine eigene Seite. Darauf standen die Paarungen und Ergebnisse, bei den Ligen außerdem die anschließende Tabelle. Die Ergebnisse trugen wir alle ein. Der Nerd, der die Spielpläne vorbereitete und die Tabellen ausrechnete, war ich.
„Ich fand’s immer besser, mit einem konkreten Ziel zu spielen als einfach so.“
Ich hatte das allerdings völlig überdimensioniert. Zwei Bundesligen und all die Pokalspiele: Eine komplette Saison hätten wir nie innerhalb eines Jahres geschafft. Auf dem Platz spielten wir deshalb das, was gerade in unserem Heft anstand, und nicht automatisch den aktuellen Bundesligaspieltag nach.
Wissen sammeln und Vereine aufbauen
Panini-Bilder sammelten und tauschten wir natürlich auch. Ich sog alles auf, was mit Fußball zu tun hatte. Die kompletten Saisonkader aller Bundesligisten kannte ich aus dem Kicker-Sonderheft auswendig. Das gehörte für mich genauso dazu wie selbst zu spielen.
Am C64 fing ich mit einfachen Managerspielen an, bei denen das Ergebnis nach meiner Erinnerung stark von der Mannschaftsstärke abhing. Später kamen der Amiga und irgendwann Anstoss 3 und Fußball Manager dazu. Mich interessierte vor allem, einen Club zu entwickeln, und ich setzte viel auf die Jugend.
Claudi ging anders vor: Er holte ältere, noch starke Spieler und setzte auf schnellen Erfolg. Natürlich war er damit erfolgreicher. Ich blieb trotzdem lieber bei meinem langfristigen Aufbau.
Old 9k strikes back
Bei den Fußballturnieren auf dem Gymnasium waren wir als 7k, 8k und 9k ganz gut dabei, aber gewonnen hatten wir nie. Nach der neunten Klasse waren wir plötzlich auf mehrere Klassen verteilt: Einige von uns waren sitzengeblieben. Ich war als „Franzose“ nun in der 9f2, andere in der 9l, und ein Teil war schon in der 10k.
Für uns war keine Frage, dass wir noch einmal gemeinsam antreten würden. Wir nannten uns „Old 9k strikes back“. Die stärksten Spieler waren, bis auf wenige Ausnahmen, ausgerechnet die Sitzengebliebenen. Diesmal gewannen wir das Turnier – auch gegen ältere Klassen.
Weil keiner so recht hinten spielen wollte, übernahm ich eine Art Libero und wurde trotzdem Torschützenkönig. Vor allem waren wir aber wieder zusammen auf dem Platz. Von unserer Truppe fehlte nur Christian, der nicht auf unser Gymnasium ging.
Als auf unserem Platz eine Bank stand
Heute steht auf unserer Rasenfläche eine Bank. Als sie gebaut wurde, verloren wir unseren Platz. Wie lang diese Bolzplatzzeit insgesamt war, kann ich nicht mehr genau sagen. Die fünfte und sechste Klasse gehören auf jeden Fall dazu. Vielleicht war sie kürzer, als sie sich heute in meiner Erinnerung anfühlt.
Wir spielten auch danach noch miteinander. Auf einem anderen Platz verloren wir einmal knapp 1:2 gegen deutlich ältere und überlegene Spieler; darauf waren wir durchaus stolz. Aber anderswo mussten wir die Flächen mit anderen teilen. So wie auf unserem eigenen Platz funktionierte es nie wieder.
Wenn ich heute die Bank sehe, denke ich an die Taschen auf dem Rasen, an unsere Spielpläne und an die Nachmittage mit den anderen. Ein bisschen melancholisch macht mich das schon. Dort mussten wir uns unseren Fußball mit niemandem teilen.